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Einmal quer durch Liechtenstein – auf der Route 66

Montagmorgen, 6. Juli 2026, 5:00 Uhr. Ich stehe im Bergdorf Malbun auf rund 1.600 Metern Höhe. Mit knapp 12 Grad herrschen perfekte Bedingungen für einen langen Tag in den Bergen. Vor mir liegen 47 Kilometer und rund 2.300 Höhenmeter – einmal quer durch das Fürstentum Liechtenstein, von den hochalpinen Graten bis hinunter nach Ruggell im Rheintal.

Wie kommt man auf so eine Idee?

„Habe ich meine Leistungssportkarriere nicht an den Nagel gehängt?“, mag der eine oder andere denken. Nein, das wird häufig falsch verstanden.

Ich habe den Wettkampfsport beendet, meine intrinsische Leidenschaft für sportliche Herausforderungen wird mich immer begleiten. Mein Antrieb waren nie Medaillen oder Pokale, sondern die Frage, ob ich einer Aufgabe gewachsen bin.

Genau deshalb reizen mich Projekte wie die Route 66 weitaus mehr als viele klassische Wettkämpfe. Die Herausforderung ist nicht das Teilnehmerfeld, sondern die Strecke selbst.

Dazu genieße ich diese neue Freiheit: Ich kann meine Aktionen genau dann angehen, wenn ich Lust habe und Rahmenbedingungen und Bauchgefühl zusammenpassen.
Letztes Wochenende wurde deshalb um drei Uhr morgens spontan aus einer geplanten Bergtour im Karwendel ein schneller Lauf rund um den Walchensee, weil sich das in diesem Moment einfach richtig angefühlt hat.

Fastest Known Times  – Der Beginn einer neuen Leidenschaft?

Ganz nebenbei war das auch der Auftakt zu einem Thema, das mich schon seit einigen Jahren umtreibt: Fastest Known Times, kurz FKT.

Während der Corona-Pandemie, als nahezu alle Veranstaltungen abgesagt wurden, entstanden weltweit immer mehr dokumentierte Bestzeiten auf bekannten Wander- und Trailrouten. Das Konzept ist einfach. Es gibt keinen Startschuss, keine Verpflegungsstationen und keine Zuschauer. Man sucht sich einen passenden Tag aus, startet alleine mit GPS-Uhr und versucht, eine bestehende Bestzeit zu unterbieten oder als Erster überhaupt eine Zeit für diese Strecke zu setzen. Allerdings zählt bei einer FKT nicht die reine Bewegungszeit, sondern die verstrichene Gesamtzeit (Elapsed Time) – genau wie bei einem Wettkampf.

Irgendwie schließt sich damit für mich auch ein Kreis: Während Corona habe ich gemerkt, dass ich keine Rennen brauche, um an meine Grenzen zu gehen. Im Gegenteil: In dieser Zeit gelang mir mein sportlicher Durchbruch – allen voran mein erster Marathon unter drei Stunden, den ich allein an der Regattastrecke in München lief. Gleichzeitig entdeckte ich den Trailrunning-Sport für mich.

Vielleicht war das bereits der Beginn dessen, was heute mit der Route 66 seine Fortsetzung findet – und im Herbst in der Schweiz einen ersten Höhepunkt erreichen könnte. 😊

Respekt vor der Aufgabe

Ursprünglich wurde die Route als dreitägige Weitwanderung konzipiert. Sie verbindet einige der landschaftlichen Höhepunkte Liechtensteins – von alpinen Übergängen bis hinunter ins Rheintal.

Fast 50 Kilometer an einem Tag sind für einen Ausdauerathleten wie mich mit entsprechender und sorgfältig durchdachter Vorbereitung gut machbar. Genau das unterscheidet ein solches Projekt von einem klassischen Rennen: Organisation, Logistik, Verpflegungsstationen und Streckenmarkierung gibt es nicht – man ist für alles selbst verantwortlich.

Daher bereitete ich mich wie auf ein Rennen akribisch vor. Die Tage zuvor liefen ähnlich ab: vernünftiges Tapering, damit der Körper den Superkompensationseffekt optimal nutzen konnte, rechtzeitige Anreise, Honigsemmel-Frühstück bis zur virtuellen Startlinie in Malbun.

Die Anstiege mit ihren Längen und Höhenmetern hatte ich genauso im Kopf wie die Schlüsselstellen, die Verpflegung oder die Visualisierung des „Zieleinlaufs“ am Ruggeller Rathaus.

Am wichtigsten aber: Ich freute mich riesig auf den Lauf. Auch wenn ich mega nervös war.

Das Knie? Ja, das war noch eine kleine Variable. Hält es?

Natürlich habe ich mir ein Zeitziel gesteckt. Alles andere würde nicht zu mir passen. Außerdem wollte ich eine gute FKT-Damenzeit vorlegen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur Männer (6:32:10 Stunden) und ein gemischtes Team (11:44:23 Stunden), die die Herausforderung angenommen hatten. Eine breite Klaviatur.

Wie es mir erging

Die ersten fünf Kilometer hatten es direkt in sich: rund 800 Höhenmeter, also etwa ein Drittel der gesamten Höhenmeter auf gut zehn Prozent der Strecke. Bis kurz vor die Pfälzerhütte ging es somit gleich einmal ordentlich bergauf (im Schnitt 16 % Steigung). Ich lief dosiert, aber forsch. Oben kam ich nach 58 Minuten an – zufrieden, aber auch überrascht. Der bis dato schnellste Mann hatte für diesen Abschnitt ebenfalls knapp 58 Minuten gebraucht.

Könnte ein guter Tag werden, dachte ich. Vor allem, weil ich hinten raus meist der bessere Diesel bin.

Im Anschluss folgten rund 20 wellige Kilometer und der zweite große Anstieg zu den Drei Schwestern: sechs Kilometer mit rund 600 Höhenmetern. Es war eine wunderbare Mischung aus alpinen Graten, Almwegen, flowigen Trails und Panoramawegen. Mit dabei: der berühmte Fürstensteig und die ausgesetzten Passagen rund um die markanten Drei Schwestern.

Die Stimmung war nach wie vor richtig gut, beim ersten Downhill hatte ich etwas Zeit verloren, trotzdem waren ein paar kurze Fotostopps drin, bevor der richtig fiese Downhill hinunter ins Rheintal begann: im Schnitt 20 % über sieben Kilometer und rund 1.500 Höhenmeter. Technisches bergab ist noch immer nicht meine große Liebe. Deshalb war genau diese Passage für mich mental die absolute Schlüsselstelle.

Die Uhr läuft

Ich kam bereits nach 04:40 Stunden unten im Rheintal an – drei Minuten schneller als mein virtueller Partner. Und plötzlich begann die Rechnung. 01:50 Stunden für 15 km – das könnte eine sehr gute Zeit werden, trotz des letzten kurzen, aber knackigen Anstiegs nach 39 Kilometern: Ab Mauren warteten über 3 Kilometer nochmal 220 Höhenmeter, die ich mir vor allem mental aufgehoben hatte.

Nach 6:17:26 Stunden stoppte ich meine Uhr am Ruggeller Rathaus und hatte damit die Männerzeit um 15 Minuten unterboten. Wo ich das rausgelaufen habe, habe ich nicht analysiert. Ich habe einfach nur mein Ding gemacht.

Es gab kein Glamour, keinen Jubel, aber in mir drin tobte es. Und in diesem Moment flutete mich derselbe Dopaminrausch wie früher nach einem Rennen:

Ich hatte es geschafft. Und ich war unendlich dankbar – für Körper & Mind, für diesen wunderschönen Sommertag im Fürstentum und für die Erkenntnis, dass Herausforderungen auch nach dem Wettkampfsport nichts von ihrer Magie verlieren.

Ach, die Variable: Das Knie machte sich zwischendurch bemerkbar. Das war auf dieser Strecke fast nicht zu vermeiden. Aber mittlerweile kann ich mit den Symptomen gut umgehen und betreibe seit meinem Wiedereinstieg ins Laufen ein sehr bewusstes Belastungsmanagement.

 

Zahlen, Daten, Fakten

📍 Start: Malbun (1.600 m)
🏁 Ziel: Ruggell (430 m)
📏 Distanz: 47 km
⛰️ Höhenmeter: ca. 2.300 hm
⏱️ Offizielle Wanderzeit: ca. 17 Stunden – Link
🏆 FKT (Männer): 06:32:10 Stunden – Link
🏃 Meine Zeit: 06:17:26 Stunden
🥾 Schwierigkeit: T2/3 – Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich
🚌 Logistik: Busverbindung zwischen Malbun und Ruggell in beide Richtungen
🥤 Verpflegung: Eigenverpflegung, Einkehrmöglichkeiten entlang der Route
📱 Strava: Link
📷 Google: Link