Lesezeit: 10 Minuten

Eine Woche mit über 750 Radkilometern liegt hinter mir. Eine Tour, die ich schon lange machen wollte, die sich aber mit einem strukturierten Wettkampfkalender nie vereinbaren ließ.

Ich habe die Zeit bewusst genutzt, um genau das zu tun, weshalb ich losgefahren bin: Radfahren, die Ostsee genießen und einfach im Moment sein. Me Time. Ein kurzer Strava-Post am Abend,  das Wichtigste für diesen Erlebnisbericht notieren – mehr nicht.

Die Fahrt von Flensburg nach Stralsund war aber weit mehr als eine schöne Bikepacking-Tour. Sie war zugleich ein wichtiger Testlauf für die Hospiztour 2027. Mehrere Tage hintereinander im Sattel zeigen, was funktioniert, wo noch Optimierungsbedarf besteht und welche Erfahrungen sich durch kein Training ersetzen lassen.

Die Tour in Zahlen:

📍 Flensburg → Stralsund
🚴 758,5 Kilometer
🗓️ 5 Etappen
⏱️ 32:15 Stunden im Sattel
⛰️ 3.239 Höhenmeter

Nachfolgend in Form eines kleinen Tagebuchs die schönsten Momente, besonderen Begegnungen und wichtigsten Erkenntnisse – ergänzt durch eine Fotogalerie.

Abschließend noch ein paar Informationen zur An- und Abreise, zu meinen persönlichen Essentials, Gedanken zum Thema Tourausrüstung und zum Reisen mit chronischer Erkrankung.

 

Tag 0 – Ankunft in Flensburg

6,4 km Lauf
Strava:
Link

Nach der langen Autofahrt wollte ich noch etwas die Beine lockern und bin eine kleine Runde durch Flensburg gelaufen. Der leichte Nieselregen und die frische Meeresluft waren der perfekte Start in die kommende Woche. Schon in diesem Moment wurde mir bewusst, wie lange ich diese Tour eigentlich schon machen wollte. Jetzt war sie endlich Realität. Und es fühlte sich gut an, mal etwas ganz anderes als Berge vor der Haustür zu haben.

 

Tag 1 – Flensburg → Kiel

165 km | 960 Hm | 7:03 h
Strava: Link

Der erste Tag begann frisch bei 11 Grad. Im Laufe des Tages wechselten sich Sonne und Wolken ab, bei bis zu 22 Grad und leichtem Südwestwind waren die Bedingungen nahezu perfekt.

Gleich zu Beginn ging es durch Glücksburg. Sofort wurden Erinnerungen an mein DNF beim Ostseeman 2023 wach, als mir die brutale Kälte den Wettkampf beendet hatte. Diesmal konnte ich den Ort einfach genießen. Eckernförde hat mir sehr gut gefallen. Mittags war dort allerdings schon ziemlich viel los, sodass ich nach einem kurzen Stopp auf dem Marktplatz schnell weitergefahren bin.

Egal wann und wo – ich begegnete ausschließlich netten und freundlichen Menschen. Die Landschaft war völlig anders als meine gewohnten Berge, aber mindestens genauso reizvoll und auch wellig. Den krönenden Abschluss bildete die Holtenauer Hochbrücke in Kiel. Danach gab es zur Belohnung erst einmal ein Finish-Line-Eis.

Vor dem Start war ich erstaunlich nervös, obwohl es längst nicht meine erste Mehrtagestour war. Die Deutsche Alpenstraße 2021 mit 450 Kilometern und 5.000 Höhenmetern in drei Tagen hatte schließlich gezeigt, dass ich solche Herausforderungen kann.

 

Tag 2 – Kiel → Fehmarn

162,5 km | 577 Hm | 6:52 h
Strava: Link

Die Strecke führte fast den ganzen Tag an der Ostsee entlang. Ein ruhiger und herrlicher Sonntagmorgen.

Über Heiligenhafen ging es auf Fehmarn. Die Insel hat mir auf Anhieb gut gefallen. Nach der Ankunft in Burg a.F. hatte ich bis zum Check-in noch zwei Stunden Zeit und konnte die Atmosphäre der kleinen Stadt ganz entspannt in einem der vielen Straßencafés genießen.

Interessant war auch wieder die Erkenntnis, dass zwei Semmeln mit Honig, eine Banane und ein Ei als Frühstück vollkommen ausreichen. Im lockeren Grundlagenbereich kann ich damit problemlos einige Stunden fahren.

Beeindruckt haben mich erneut die Menschen. Alle waren freundlich und sogar ein Autofahrer entschuldigte sich später persönlich bei mir für eine Vorfahrtsmissachtung. Sowas bleibt hängen.

Eigentlich wollte ich die Insel komplett umrunden. Weil ich aber die Ausfahrt auf die Fehmarnbrücke verpasst hatte und dadurch rund zehn Extrakilometer an Land gefahren bin, habe ich die Runde verkürzt. Trotzdem war ich am Abend deutlich weniger erschöpft als noch nach dem ersten Tag. Allerdings fordern mehrere Stunden auf dem Rad nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf. Irgendwann ist man einfach nur noch mit sich und seinen Gedanken unterwegs.

 

Tag 3 – Fehmarn → Lübeck

138 km | 550 Hm | 6:07 h
Strava: Link

Ich bin bereits um 6 Uhr losgefahren. Zum ersten Mal konnte ich morgens ohne Armlinge starten. Die Sonne ging gerade auf und es war mit Abstand der schönste Morgen der ganzen Tour. Zunächst habe ich den am Vortag ausgelassenen Teil der Inselrunde nachgeholt, bevor es über die Fehmarnsundbrücke aufs Festland ging.

In Grömitz war ich mit Martin verabredet. Ich war eine halbe Stunde zu früh und habe die Zeit entspannt in der Sonne am Meer genossen. Martin habe ich erst im Zuge meiner Tour-Recherche kennengelernt. Er ist erfahrener Tourenfahrer, Alpinist und außerdem Guide. Gemeinsam sind wir auf kleinen, versteckten Wegen bis nach Travemünde und anschließend weiter nach Lübeck gefahren. Ich habe dabei unglaublich viel gelernt und hatte einen richtig schönen Tag.

Ein echter Luxus war, dass ich zwei Nächte bei Martin übernachten und meine Radkleidung waschen konnte. Dadurch musste ich nur einen Satz Radbekleidung mitnehmen und konnte entsprechend Gewicht sparen. Es war ein ganz besonderer Tag, der sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

Tag 4 – „Pausentag“ in Lübeck🚶‍♀️

Morning Walk: 7 km
Strava: Link

u.a. Stadtführung mit Martin: 6 km
Strava: Link

Nach neun Stunden tiefem Schlaf bin ich aufgewacht und habe einfach nur eine große Dankbarkeit gespürt. Der Pausentag bei Martin war von Anfang an so geplant – und ausgerechnet der einzige Tag der Woche, an dem Regen und ein kurzes Gewitter durchzogen. Bis etwa 9 Uhr war aber alles vorbei. Wenn Engel reisen. 😉

Den Vormittag habe ich ganz bewusst ruhig angehen lassen: Zeitung gelesen, anschließend ein langer Spaziergang durch Lübeck mit dem Holstentor und natürlich einem Besuch beim traditionellen Lübecker Marzipan. Genau das war der Sinn dieses Tages – nicht nur die Beine, sondern auch den Kopf etwas zur Ruhe kommen zu lassen.

Am Nachmittag durfte ich dann an einer von Martins Stadtführungen teilnehmen. Besonders beeindruckt haben mich die historischen Gänge und Höfe der Lübecker Altstadt. Dass diese mittelalterlichen Wohnquartiere heute Teil des UNESCO-Welterbes sind, überrascht nach dem Rundgang überhaupt nicht mehr. Ohne Martin wäre ich wahrscheinlich einfach daran vorbeigelaufen.

Ein perfekter Recovery-Tag. Ich habe die Pause sehr genossen und mich gleichzeitig schon auf die letzten beiden Etappen der Tour gefreut. Die Wettervorhersage versprach jedenfalls wieder Sonne.

 

Tag 5: Lübeck → Rostock

155,5 km / 841 Hm / 6:32 h
Strava: Link

Mit über 155 Kilometern lag erneut ein langer Radtag vor mir. Schon um 6:30 Uhr waren es über 20 Grad, dazu Rückenwind – ideale Bedingungen für die vorletzte Etappe.

Die Strecke führte über Timmendorfer Strand, das Salzhaff, Kühlungsborn und Warnemünde bis nach Rostock. Die Ostseebäder sind zwar wunderschön, in der Hauptsaison aber auch extrem voll. Dazu kamen viele Radfahrer, die ihrem Gefährt nicht so ganz Herr waren. Man musste praktisch jeden Schlenker antizipieren. Kurioserweise waren ausgerechnet diejenigen ohne Helm oft die unsichersten.

Ein landschaftliches Highlight war das Salzhaff kurz vor Rerik. Durch die beiden vorgelagerten Halbinseln Wustrow und Boiensdorfer Werder ist es fast vollständig von der Ostsee abgetrennt und weist dadurch einen höheren Salzgehalt auf als viele andere Boddengewässer. Eine beeindruckende Landschaft mit weiten Ausblicken.

Je weiter ich nach Osten kam, desto mehr veränderte sich die Landschaft. Sie wurde noch weiter und großflächiger. Auffällig waren auch die immer häufiger auftauchenden imposanten Gutshäuser und Herrenhäuser, die das Landschaftsbild prägten.

Mit Rostock war schließlich das Ziel des Tages erreicht. Langsam machte sich auch ein wenig Wehmut breit. Morgen würde die letzte Etappe nach Stralsund anstehen – und damit das Ende einer außergewöhnlichen Woche.

Tag 6: Rostock → Stralsund

137,5 km / 312 Hm / 5:41 h
Strava: Link

Der letzte Radtag führte von Rostock über Graal-Müritz, den Darß, Zingst und Barth nach Stralsund. Wie an den Vortagen waren die Bedingungen nahezu perfekt: Sonne, angenehme Temperaturen und Rückenwind.

Die Strecke unterschied sich deutlich von den vorherigen Etappen. Lange Abschnitte durch Wälder wechselten sich mit offenen Küstenlandschaften ab. Besonders die letzten rund 40 Kilometer vor Stralsund waren herrlich: extrem ruhig und begleitet von dem Gefühl, dass sich ein lang gehegter Traum bald erfüllen würde.

Für kurze Wartezeiten sorgten lediglich die Hubbrücken, beispielsweise die Meiningenbrücke vor Zingst, sowie der kurze Abstecher auf Dänholm, bevor es zur lang ersehnten Belohnungswaffel in die Stralsunder Altstadt ging.

Ich war dankbar und auch ein wenig traurig, dass die Tour schon vorbei war. Aber genau das gehört dazu. Man muss nicht immer weitermachen, nur weil noch etwas gegangen wäre. Manchmal ist genau der richtige Moment gekommen, um aufzuhören.

 

Tag 7: Stralsund – Spaziergang & Heimreise

10,0 km Spaziergang
Strava: Link

Bevor ich mich auf die Heimreise machte, blieb noch ein halber Tag, um Stralsund in Ruhe zu erkunden. Den nutzte ich für einen ausgedehnten Spaziergang am Moorteich, durch die Altstadt und entlang des Hafens.

Stralsund hat mir bereits am Vortag auf Anhieb gefallen. Beim Spaziergang wurde dieser Eindruck noch einmal bestätigt. Die historische Altstadt gehört zum UNESCO-Welterbe und verbindet eindrucksvoll Backsteingotik, maritime Geschichte und die direkte Lage am Wasser.

Ein schöner und entspannter Abschluss dieser Tour. Danach ging es zurück nach Flensburg und von dort weiter Richtung Heimat.

Fazit

Die Ostsee hat mich begeistert. Die Weite, das Wasser, die kleinen Küstenorte und die Tage in Lübeck und Stralsund haben diese Woche zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht. Es war genau die richtige Entscheidung, nach dem Ende meiner Wettkampfkarriere wieder einmal etwas völlig anderes zu machen.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich trotzdem immer die Berge wählen. Sie bieten für mich noch mehr Abwechslung, sind sportlich anspruchsvoller und meist ruhiger. Aber genau deshalb war diese Reise so wertvoll. Sie hat meinen Horizont erweitert und gezeigt, dass Abenteuer nicht immer höher, schneller oder weiter sein müssen.

Auf jeden Fall hat mich endgültig das Abenteuerfieber gepackt. Und Ende August wartet schon das nächste auf mich. Bevor aus einem „Vielleicht“ ein „Nie“ wird.

Denn eines habe ich auf dieser Reise wieder gemerkt: Das Leben ist zu kurz für Eintönigkeit. Qualität vor Quantität.

📷 Google-Album

An-/Abreise

Ich bin mit dem Auto nach Flensburg gefahren und nach Ende der Tour zunächst wieder dorthin zurückgekehrt. Von Flensburg ging es anschließend Richtung Heimat. Das war für mich die mit Abstand entspannteste Lösung. Die Fahrzeit nutze ich ohnehin gerne zum Nachdenken und Reflektieren.

Natürlich hätte ich lieber die Bahn genutzt. Für Radreisende ist die Deutsche Bahn aber leider noch immer kein verlässlicher Partner. Reservierungspflicht, begrenzte Fahrradstellplätze, kurzfristige Zugausfälle und knappe Umstiege machen die Planung unnötig kompliziert. Für eine Verkehrswende braucht es bessere Lösungen – gerade für Menschen, die klimafreundlicher unterwegs sein möchten.

 

Essentials/Spezielle Tourausrüstung & chronische Erkrankung

Jeder packt anders. Jeder hat andere Bedürfnisse. Und jede Tour ist anders. Deshalb halte ich wenig von pauschalen Packlisten oder konkreten Produktempfehlungen. Erfahrungen sind immer subjektiv und hängen von den persönlichen Vorlieben, dem Einsatzzweck und den Rahmenbedingungen ab.

Das ist ähnlich wie im Bergsport: Was für den einen technisch anspruchsvoll ist, empfindet der andere als einfache Wanderung. Deshalb verzichte ich bewusst auf allgemeingültige Empfehlungen.

Mir ist außerdem wichtig, unabhängig zu bleiben. Ich bin kein bezahlter Influencer und möchte auch nie einer sein. Mein Beruf ist ein anderer. Bei meinen Touren möchte ich vor allem die Erlebnisse und die Zeit genießen. Wenn ich etwas empfehle, dann ausschließlich, weil ich persönlich davon überzeugt bin – und nicht, weil ich dafür Geld bekomme.

Wer Fragen zu meiner Ausrüstung oder Organisation hat, kann mich jederzeit gerne kontaktieren. Ich teile meine Erfahrungen gerne – ehrlich, unabhängig und ohne Werbung.

Eine schöne Erkenntnis dieser Tour war übrigens, dass meine vielen Brausetabletten von Tag zu Tag weniger wurden. Auch mit einer chronischen Erkrankung ist Bikepacking problemlos möglich – man muss nur etwas besser planen.