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Es ist ja nicht unbekannt, dass ich mit dem Ende meiner aktiven Laufbahn als Wettkampfsportlerin sportlich weiterhin aktiv bin – das habe ich auch nie abgestritten –, aber eben anders. Ich werde sicher nicht über jede dieser Touren bzw. jedes dieser Projekte berichten. Das meiste mache ich einfach für mich, weil es mir Spaß macht und weil ich dabei neue Gegenden und neue Grenzen kennenlernen kann. Aber manche Projekte sind etwas Besonderes. Und die Watzmann-Überschreitung gehört definitiv dazu.

Eigentlich wollte ich sie schon seit Jahren machen und habe sie genauso lange vor mir hergeschoben. In Dauerschleife stand die Tour auf der Liste und flog wieder runter.

Nicht wegen der Dauer der Tour oder der Höhenmeter. Ich wusste, dass ich körperlich fit genug dafür bin. Was mir Respekt gemacht hat, war das Alpine, insbesondere der exponierte Grat zwischen Hocheck, Mittel- und Südspitze. Hier muss vor allem der Kopf funktionieren.

Und dann kam der Tag, an dem ich wusste: Wenn ich es jetzt nicht wenigstens probiere, werde ich nie wissen, ob ich es geschafft hätte. Dann schiebe ich diesen Elefanten im Raum noch weitere fünf Jahre vor mir her.

Dabei ist genau das Mentale doch meine Stärke: raus aus der Komfortzone.

Ich hatte aber einen klaren Sicherheitsplan: Bis zum Hocheck laufen und dort ehrlich entscheiden. Denn das ist der Punkt, an dem die eigentliche Überschreitung beginnt. Wenn man dort schon Defizite merkt – physisch oder psychisch –, muss man umdrehen.

Keine schnelle Zeit und kein Ego sind es wert, am Berg etwas zu riskieren.

Die Bedingungen hätten an diesem Tag kaum besser sein können. Ein stabiler Hochsommertag, trocken, kein Nebel, kein Wind und oben rund elf Grad. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Also stand ich morgens um 5:15 Uhr an der Wimbachbrücke und lief los. Bepackt mit Helm und Stöcken und genügend Verpflegung. Das Hirn braucht Zucker! Und das Snickers vor dem Grat hat echt gut geschmeckt.

Auf den ersten rund neun Kilometern bis zum Hocheck sind fast 2.000 Höhenmeter zu bewältigen, und ich war bereits nach 1:17 h am Watzmannhaus. Das ist schon eine Hausnummer.

Aber die Watzmann-Überschreitung ist erst gemacht, wenn man wieder unten an der Brücke ist.

Für diese Strecke muss man ein ziemlich kompletter Athlet sein: Man muss schnell steigen, sich im alpinen Gelände sicher bewegen, mit Ausgesetztheit umgehen, klettern, technisch bergab laufen können – und nach all dem am Ende noch richtig schnell laufen können.

Am Hocheck, dem Beginn des Grates, habe ich gar nicht erst versucht, darüber nachzudenken, was noch vor mir liegt. Ein Schritt nach dem anderen, ruhig und bei mir bleiben. Natürlich gab es Momente, in denen ich dachte: „Alter Schwede, was mache ich hier eigentlich?“ Aber genau dann ging es darum, nicht nach links oder rechts und schon gar nicht zehn Minuten vorauszudenken. Sondern nur an den nächsten sicheren Schritt.

Hocheck – Mittelspitze – Südspitze. Und irgendwann stand ich tatsächlich oben.

Wer jetzt denkt, damit sei der schwierige Teil geschafft und man müsse nur noch bergab laufen: Pustekuchen.

Von der Südspitze hinunter ins Wimbachgries wartet noch einmal ein langer, extrem technischer Downhill. Für gerade einmal wenige Kilometer braucht man ungefähr eine Stunde. Fels, Geröll, steiles Gelände – und nach dem Grat verlangt dieser Abschnitt noch einmal volle körperliche und mentale Konzentration.

Beim Abstieg habe ich mich einmal im Geröll verstiegen und bin in einer ziemlich unangenehmen Situation gelandet. Hier zählen keine Zeit und kein Ehrgeiz, sondern nur ein kühler Kopf und die richtige Entscheidung.

Und dann kam endlich der Teil, auf den ich mich gefreut hatte.

Die letzten rund acht Kilometer führen auf gut laufbarem Untergrund noch einmal deutlich bergab Richtung Wimbachbrücke. Nach all dem Klettern, Kraxeln und Geröll darf man plötzlich wieder das tun, was ich wahrscheinlich am besten kann: laufen!

Mit Helm auf dem Kopf, weil ich keine Lust mehr hatte, ihn zu verstauen. Ich muss ein ziemlich lustiges Bild abgegeben haben. Das hat mich aber nicht daran gehindert, diese acht Kilometer mit rund 600 Höhenmetern bergab in 35 Minuten zu laufen. Das hat noch einmal richtig Spaß gemacht.

Nach 24,4 Kilometern, 2.351 Höhenmetern und 5:15 Stunden war ich wieder an der Wimbachbrücke (Link: Strava).

Und ja: Ich hatte mir vorher eine schnellere Zeit ausgerechnet. Vor allem im alpinen Gelände habe ich gemerkt, dass mir schlicht die Erfahrung fehlt, um mich dort so schnell zu bewegen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber das war an diesem Tag irgendwann gar nicht mehr das Entscheidende.

Ich hatte mich einer Tour gestellt, die ich jahrelang vor mir hergeschoben hatte. Ich war raus aus meiner Komfortzone, hatte zwischendurch ordentlich die Hosen voll – und war am Ende einfach nur happy und ziemlich stolz.

Elefant weg. Endlich