Nach jedem Tunnel kommt ein Licht, auch wenn er noch so lange ist.

*Lesezeit: 8 Minuten*

Am 26.04.2025 war es „Zeit für Klartext“ und ich habe mich mit dieser Offenbarung sehr zurückgezogen, was ich keinen Tag bereue. Was aber habe ich in den berühmtem 100 Tagen gemacht bzw. was ist mit mir passiert?

Ich habe diese Zeit u.a. intensiv genutzt, um an mir zu arbeiten, um herauszufinden, warum es nochmal so weit kommen konnte. Und solch eine Arbeit ist nur mit absoluter geistiger Klarheit, ohne sinnlose Ablenkung bzw. Benebelung der Sinne durch Rauschsubstanzen möglich. Dazu zählen für mich heutzutage neben Alkohol und Drogen auch die sozialen Medien.

Und heute ist der Tag, an dem ich sagen kann, dass ich die Erkenntnis gefunden habe, die mir seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten die Energie geraubt und die dazu geführt hat, dass meine Kraftreserven vollkommen erschöpft sind. Ich würde es sogar noch ein Stückchen weiter treiben: Der Tank hatte mittlerweile durch permanentes Scheuern ein Loch bekommen. Jetzt härtet erstmal der Klebstoff, den ich anbringen konnte. Dann wird wieder aufgefüllt. Mit all der Zeit, die dafür notwendig ist. Geht dies zu schnell von Statten, schwappt alles wieder über.

Bei dieser mentalen Arbeit stand mir eine Psychotherapeutin als externe und objektive Hilfe zur Seite. Von einer weiteren Therapie haben wir aufgrund dieser Erkenntnis abgesehen, da zum einen kein pathologischer Befund vorliegt und ich zum anderen eine starke Willenskraft habe.

Warum schreibe ich öffentlich über dieses Eingeständnis, was angesichts der folgenden Zeilen eher skurril klingt? Zum einen, weil ich schon immer Dinge zu Ende gebracht habe, die ich begonnen habe. Die meisten Menschen kennen mich aus den letzten Jahren überwiegend durch meine sportlichen Aktivitäten und mein Ehrenamt, bei denen ich – in den sozialen Medien – immer sehr präsent war. Und sich so ganz ohne Erklärung zu „verabschieden“, fühlt sich irgendwie falsch an.

Was aber ist denn nun genau das „Problem“?

Ich werde nicht müde zu betonen, dass in meinen Augen ein Burnout immer dann entsteht, wenn man auf Dauer ein Leben lebt, das man selbst nicht ist (Stichwort: Authentizität) und das dadurch latenten Stress erzeugt.

Was führte die letzten 15 Jahre zur Erschöpfung der Kraftreserven? Es ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, das ca. 30-40% der Menschen betrifft, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Bei mir treffen sehr viele der typischen Eigenschaften zu und ich befinde mich weit am introvertierten Ende der Skala: Ich bin ein hochgradig Introvertierter Mensch.

Ich bin froh, dass ich das endlich für mich erkannt und bestätigt bekommen habe. Wenn ich mein Leben so reflektiere, ziehen sich die Eigenschaften eines Introvertierten Menschen wie ein roter Faden hindurch. Im Folgenden gehe ich auf die Kernpunkte mit meinen eigenen Erfahrungen ein. Die, die mich gut kennen, können vermutlich vieles davon bestätigen bzw. wird ihnen jetzt einiges klarer.

Es sind auch Stärken dabei, so ist es nicht.

  • Energiequelle:
    • Wird aus dem Innenleben, aus Gedanken, Gefühlen und Reflexionen geschöpft
    • Intensive und gründliche Auseinandersetzung mit Dingen
    • Introvertierte lesen sehr viel
  • Soziale Interaktionen:
    • Ruhebedürftigkeit: Introvertierte ziehen sich oft zurück und sind gerne mit sich allein, was ihnen viel Unabhängigkeit ermöglicht (mir hat die Coronazeit gar nichts ausgemacht). Sie sind aber nicht einsam. Das ist ein sehr großer und wichtiger Unterschied!
    • Sie bevorzugen tiefgründige Gespräche mit wenigen Personen gegenüber großer Gesellschaften mit viel (verbalem) Lärm.
    • Smalltalk empfinde ich als verschwendete Zeit; in großen Gruppen nehme ich eher die Beobachterrolle ein.
  • Verhalten:
    Ruhig, bedacht und zurückhaltend
  • Arbeitsweise:
    • Konzentriert und selbständig. Jede Störung empfinde ich schnell als Affront (und stoße oft auch Leute vor den Kopf)
    • Analytisch, problemlösend und ein Organisationstalent – ach ne…
    • Kreativ: In der Berufswelt sind mir die Konzeption neuer Prozesse und der Aufbau von Strukturen immer am liebsten. Wenn das „alles steht“, ziehe ich mich zurück
    • Hohe Vorstellungskraft oder auch „Visualisierung“. Das ist eine meiner Kernkompetenzen im Sport.
  • Ausdruck:
    Besser schriftlich als mündlich, da mir das großen Freiraum und tiefe Denkprozesse ermöglicht; lieber E-Mail als Telefon.
  • Empathisch:
    Introvertiere sind gute Zuhörer und sind aufmerksam. Mir entgeht wenig und ich habe eine hohe Beobachtungsgabe (das stand früher in jedem meiner Zeugnisse…)
  • Konfliktscheu:
    Vermeidung weiterer Diskussionen, die sowieso zu nichts führen

Begriffliche Abgrenzungen

Im Übrigen ist das Gegenteil ein extrovertierter Mensch, der seine Batterie im Umgang mit anderen Menschen auflädt. Die Personengruppe, die auf der Skala dazwischen liegt, wird häufig als ambivertiert bezeichnet. Wie gesagt, das Ganze ist nicht pathologisch, sondern beschreibt ein Persönlichkeitsmerkmal.
Der Psychologe Carl Gustav Jung prägte das Begriffspaar in den 1920er-Jahren; „ambivertiert“ kam als Begriff später hinzu.

Die meisten Menschen kennen beide Seiten der Skala und haben nur unterschiedlich starke Ausprägungen in die eine oder andere Richtung.

Es ist dabei wichtig, Introversion von Schüchternheit und sozialer Phobie zu unterscheiden. Insbesondere eine soziale Phobie ist eine psychische Störung und kann beispielsweise mit starken Ängsten und körperlichen Symptomen einhergehen. Introversion ist dagegen keine Erkrankung. Natürlich können auch introvertierte Menschen Angststörungen entwickeln – ebenso wie extrovertierte.

Wenn man das oben Geschriebene so liest, könnte man meinen, ich bzw. alle Introvertierten seien Nerds, die sich nur nachts auf die Straße trauen. SO IST ES NICHT. Ich bin nach wie vor ein geselliger und freundlicher Mensch, daran wird sich nichts ändern. Ich muss nur für mich wissen, wann Schluss ist, wann sich meine soziale Batterie dem Ende zuneigt und wie ich Selbstfürsorge betreiben kann.

Warum hat das Ganze nun zur totalen Erschöpfung (aka Burn-Out) geführt?

Zur Wiederholung: Ich lebte ein Leben, das ich nicht bin. Dazu zwei Ansatzpunkte

  • Die Athletin Anja & Die sozialen Medien (FB, IG, LinkedIn, WhatsApp)
    Wenn man das Geschriebene mit meinem Auftritt in den sozialen Medien vergleicht, wird einem einiges klar. Mir sind diese seit Jahren zunehmend ein Dorn im Auge, die Selbstdarstellungen kosten mich Kraft, weil es für mich sinnlose Zeitverschwendung und vor allem rein oberflächlich ist. Das Leben spielt sich real und draußen ab.Warum habe ich das Spiel mitgespielt? Ich hatte naiverweise immer gehofft, so mehr Aufmerksamkeit, Präsenz und vor allem Partner und Sponsoren zu finden. Mancher wird entgegnen: „Ja, aber als Influencer verdient man so viel Geld“. Ja, aber zu welchem Preis?  Ich habe Besseres zu tun als tagtäglich gefakte, unauthentische Videos zu drehen und Bildchen zu machen, die in Nanosekunden geswiped werden.Es gibt allerdings auch Meinungen, nach denen die Scheinwelt für Introvertierte attraktiv sein kann, weil sie sich dort von zu Hause aus bequem „verstecken“ können. Sehe ich anders. Das ist absolut unauthentisch und gerade Authentizität ist einer meiner Grundwerte.

    Mein Auftritt in den sozialen Medien wird sich daher künftig (noch) weiter reduzieren.

  • Die Arbeitnehmerin Anja
    Meine letzte Tätigkeit als Personalreferentin bzw. – leiterin, in die ich ab 2015 so peu a peu reingewachsen bin, hat natürlich auch nicht unbedingt dazu beigetragen, meinem Persönlichkeitsmerkmal gerecht zu werden. Mir hat die Personalarbeit sehr viel Spaß gemacht, aber mehr, wenn ich mich in Zahlen und Admin verkriechen konnte und weniger Interaktionen hatte.Nur zur Erinnerung: Im ersten großen Kapitel meines Lebens war ich als Versicherungsbetriebswirtin und Wirtschaftsprüferin in der internationalen Finanzdienstleistungswelt unterwegs. Warum ich dort 2010 in Burn-Out Nr. 1 gerannt bin, brauche ich nicht nochmal zu erklären, dazu gibt es einige Podcasts. Ich bin aber dankbar für diesen Einschnitt, weil er mir durch den Sport und meine Erfahrungen im Personalbereich unglaublich schöne, großartige und natürlich sehr erfolgreiche athletische Jahre beschert hat.

Wie geht es weiter?

Ich bin auch jetzt unheimlich glücklich, dass das alles so passiert ist, angefangen damit, dass ich im Herbst 2024 meinen Job verloren habe. Ich spürte selbst, dass einiges in mir arbeitet und alles passiert bekanntlich, wie es passieren muss.

Ich habe nur den Fehler gemacht, mich Hals- über Kopf in eine Selbstständigkeit zu stürzen, obwohl ich absolut keine geistige Klarheit hatte und leer war. Aber auch das sind Erfahrungen und die viele Arbeit, die ich in „Anja Kobs Sport- und Mentalcoaching“ gesteckt habe, ist bestimmt nicht verloren. Teile davon werde ich in der Zukunft mit Sicherheit umsetzen. Vor allem das Athletencoaching bereitet mir unheimlich viel Freude und ermöglicht es mir, meine sportliche Expertise weiterzugeben. Ein tolles Erfolgserlebnis ist dabei Nicole (LINK).

Aber jetzt muss ich erstmal mit dieser positiven Erkenntnis klarkommen und einen gesunden Mittelweg finden.

Ich sprach Ende April von „Ein Sommer nur für mich“ und das lebe ich gerade richtig schön aus, um die Batterien aufzuladen. Ansonsten mache ich mir aktuell noch keine Gedanken über die Zukunft. Ich habe alles Alte losgelassen und vertraue meinem direkten Draht zum Universum. Lange genug habe ich in das Karma eingezahlt. Ich bin ein sehr genügsamer Mensch und brauche nicht viel (Geld) um glücklich zu sein. Glück muss sowieso intrinsisch sein.

Parallel schreibe ich an meinem Buch, der erste Rohentwurf wird bald stehen. Ob ich es je veröffentliche, weiß ich nicht. Aber das ist ja das Spannende und Tolle im Leben: Es gibt so viele Möglichkeiten, an die man nie gedacht hätte. Wenn mir mein Großes Ich vor 15 Jahren am absoluten Tiefpunkt gesagt hätte, was alles auf mich wartet, hätte ich nur laut gelacht.

Fazit – Ein Ende der Selbstzweifel

Mann, bin ich gerade erleichtert. Solche Selbsterkenntnisse sind unheimlich bereichernd. Endlich weiß ich, was mit mir los ist, und ich muss mich nicht mehr verstellen. Seit Jahren, wenn nicht sogar schon Jahrzehnten, prägen mich enorme Selbstzweifel, weil ich dachte, dass etwas mit mir nicht stimmt. Schon als Kind war ich am liebsten allein zu Hause und habe gelesen.
Im Laufe der Jahre habe ich mich dann gesellschaftlichen Erwartungen unterworfen. Ich habe versucht, extrovertierter zu sein, als ich eigentlich bin. Das hat Körper und Geist auf Dauer viel Kraft abverlangt.
Ich werde jetzt meinen Weg damit finden und freue mich auf alles, was da kommt.