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Warum ausgerechnet die Senda Sursilvana Alpina?

Als ich angefangen habe, über ein neues alpines Abenteuer nachzudenken, stand zunächst die „klassische“ Alpenüberquerung im Raum. Diese steht auf vielen Bucket Lists. Und genau das war der Punkt: Mich reizt nicht der Mainstream, mich reizt das Besondere.

Bei meiner Suche bin ich schließlich auf die Senda Sursilvana Alpina in Graubünden, in der Schweiz, gestoßen, eine anspruchsvolle Hochgebirgsroute durch die Surselva, die weit weniger bekannt ist als viele der großen Klassiker. Als Wandertour ist die 82,6 km lange Strecke mit rund 5.500 Höhenmetern auf sechs Tage ausgelegt. Und durch meine Liebe zur Schweiz war sie für mich die perfekte Lösung.

One Last Dream

Irgendwann hatte dieses Projekt einen besonderen Namen bekommen:
One Last Dream.
Warum?

Dieses Jahr sollte ein Jahr mit wenigen ausgewählten Ultraläufen sein. Als Highlight Ende Oktober und etwas Besonderes zum anstehenden 50. Geburtstag war der  Kullamannen by UTMB in Schweden mit 170 km und 2.300 HM durch die kalte Dunkelheit Skandinaviens.

Was dann kam, ist hinlänglich bekannt: Die Kniediagnose, das Comeback, dann aber eine der wichtigsten und besten Entscheidungen meines Lebens: das Ende der Wettkampflaufbahn, um Freiraum für Neues zu schaffen. Sportliche Herausforderungen liebe ich nach wie vor, am Training hat sich nicht viel geändert und den Traum eines besonderen Ultralaufs habe ich trotzdem nie aufgegeben.

Zwei Tage – eine bewusste Entscheidung mit einer Variablen
Gesagt, getan: Auf Basis meiner Leistungsfähigkeit wollte ich das Ganze in zwei Tagen absolvieren – inklusive des Abenteuers einer Hüttenübernachtung.

Dann kam allerdings das Wetter dazwischen. Für den ursprünglich geplanten ersten Tag waren die Prognosen bis zur finalen Planung etwas durchwachsen, während sich ab dem folgenden Tag ein deutlich besseres Wetterfenster abzeichnete.

Plötzlich wurde das Projekt zur Ein-Tages-Variante – und rückte damit wieder näher an den ursprünglichen Traum.

Zwar bin ich solche Distanzen früher in Rennen schon gelaufen, aber sie sind auch für mich als durchtrainierte Ausdauerathletin weiterhin kein Alltag. Gleichzeitig sind 88 Kilometer in den Bergen etwas anderes als 88 Kilometer auf der Straße: Ständige Wechsel zwischen Aufstieg und Abstieg, laufbaren Passagen und technischem Gelände sorgen für Abwechslung – körperlich wie mental. Gezielte Vorbereitung, entsprechende Regeneration und vor allem die Steuerung der Gesamtbelastung gehören zur sportlichen Leistung genauso dazu.

Was allerdings ein Novum war: Ich war noch nie 15 oder 16 Stunden am Stück unterwegs. Aber genau das machte für mich einen Teil des Reizes solcher Abenteuer aus.

Das Abenteuer am 03.09.2026
Um 4 Uhr morgens ging es in Trun los. Vor mir lagen knapp 88 Kilometer bis nach Flims (diesen letzten Downhill hängte ich selbst zur offiziellen Tour noch an). Meine komplette Verpflegung hatte ich dabei – hauptsächlich Gels und Snickers. Lediglich Wasser wollte ich unterwegs an Quellen und Bächen auffüllen. „Unsupported“ lautet dafür im FKT-Fachjargon der Begriff.

Die ersten rund sieben Kilometer führten direkt hinauf zur Camona da Punteglias. Etwa 1.450 Höhenmeter am Stück – und zunächst komplett im Dunkeln. Was für eine Erfahrung. Allein, nur im Licht der Stirnlampe und mit sich und seinen Gedanken.

Und bereits hier zeigte die Senda, dass ich sie technisch deutlich unterschätzt hatte. Im felsigen Gelände verlor ich im Dunkeln den Weg und verstieg mich ziemlich böse zwischen den Felsen. Irgendwann fand ich zurück auf die richtige Route.

Langsam kam dann auch der Morgen. Mit der Dämmerung wurde vieles einfacher. Zum ersten Mal konnte ich richtig sehen, durch welche gewaltige Landschaft ich eigentlich lief. Das hier war zwar ein Wanderweg, aber definitiv kein gemütlicher. Im Tagesverlauf ging es immer wieder über verblocktes und technisch anspruchsvolles Gelände.

Ende nach 15km?
Was „früh“ passierte ist mal wieder ein klassisches Beispiel, wie stark das Hirn sein kann. Bereits nach 15km (03:20 Stunden) kam mit Abstand das größte Tief des Tages. Ich hatte einen extremen Durchhänger und war plötzlich überzeugt: In Brigels höre ich auf (km 19).

Monatelang hatte ich mich auf diesen Tag gefreut, die Strecke unzählige Male im Kopf durchgespielt – und jetzt dachte ich nach gerade einmal 15 Kilometern ans Aufhören?

In Brigels machte ich das Ziel dann kleiner: Bis Pigniu bei Kilometer 52 würde ich es schaffen. Dort hätte ich ursprünglich bei meiner geplanten Zwei-Tages-Variante übernachtet.

Kurz nach Brigels sorgte dann ein ungeplanter Almabtrieb für die nächste Erfahrung. Plötzlich stand ich bei einem Almabtrieb mitten zwischen Kühen auf dem Weg. Überholen zwecklos. Da hilft nur warten – auch das gehört zu einem solchen Tag. Insgesamt bin ich durch sehr viele Kuhherden gelaufen. Wer hier Priorität hatte, war immer vollkommen klar. Es ist ein Privileg, das „zu Hause“ der Tiere betreten zu dürfen.

Danach ging es weiter über Val Frisal und hinauf Richtung Bifertenhütte. Nach rund 30 Kilometern waren bereits rund 60 Prozent der gesamten Höhenmeter absolviert. Mental durchaus wichtig – denn leichter wurde das Gelände dadurch nicht.

Eines der landschaftlichen Highlights war der Lag da Pigniu. Und irgendwann erreichte ich tatsächlich Pigniu. Und dann?

Immer weiter
Naja. Dann bin ich „einfach“ weitergelaufen.

Nach Pigniu wartete der vorletzte große Anstieg mit über 1.100 Höhenmetern Richtung Crap la Tigna und weiter zur Segneshütte. Inzwischen war längst klar, dass aus meinem „bis Pigniu schaffe ich es“ wieder das ursprüngliche Ziel geworden war: Flims. An der Segneshütte hätte ich nochmal aussteigen können. Bereits ziemlich erschöpft machte ich weiter und stellte mich dem letzten großen Brett: dem 3 km langen Aufstieg über 500 Höhenmeter nach Fil de Cassons. Bereute ich, nicht mit der Flem X ins Tal gefahren zu sein? Nein!

Die diversen Exitmöglichkeiten hatten durchaus etwas von den Sirenen bei Odysseus. Aber ich konnte ihnen allen Stand halten.

Es blieb bis zum Schluss anspruchsvoll. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der rund vier Kilometer lange, extrem steinige und verblockte Downhill Richtung Bargis. Nach mehr als 80 Kilometern war das noch einmal eine ganz eigene Aufgabe.

Aber irgendwann lag auch Bargis hinter mir. Jetzt fehlte nur noch der letzte Abschnitt nach Flims.

Und genau dieser letzte Downhill wurde zu einem der schönsten Momente des gesamten Tages. Es wurde langsam dunkel, unter mir lag Flims. Diesen Moment, diesen „Zieleinlauf“, hatte ich mir vorher unzählige Male visualisiert. Jetzt war es tatsächlich war und nach 16 Stunden und 12 Minuten kam ich schließlich in Flims an.

Ein Tag mit allem, was ich gesucht hatte: Dunkelheit, Zweifel, technische Schwierigkeiten, gewaltige Landschaften, ein ziemlich frühes Tief und die Frage, ob ich überhaupt weitermachen wollte.

One Last Dream. Done.

 

Walk the talk.
Die Tour wurde damit anders als geplant, aber trotzdem zu einem geilen Ausdauerabenteuer.

Mein Buch trägt den Titel Vom Burnout zur Bestform. Es geht darin unter anderem um einen anderen Blick auf Leistung und Erfolg und um die Erkenntnis, dass Erfolg nicht zwangsläufig bedeutet, sich ständig offiziell beweisen zu müssen oder auf einem Podium zu stehen. Es geht auch um das, was man macht, wenn keiner zuschaut und keiner applaudiert – einfach, weil man es aus Leidenschaft tut.

 

Facts Senda Sursilvana Alpina

Route: Trun – Camona da Punteglias – Brigels – Bifertenhütte – Pigniu – Segneshütte – Bargis – Flims
Distanz:  87,39km
Höhenmeter: ca. 5.942 HM
Zeit: 16:12 Stunden
Höchster Punkt: ca. 2.690 m
Start: Trun, 03:55Uhr
Ziel: Flims, 20:07Uhr
Verpflegung: Eigenverpflegung mit Gels, Snickers, Wasser an Bächen aufgefüllt
Charakter: anspruchsvolle alpine Hochgebirgsroute, abschnittsweise T3
FKT: Offiziell erste Person, die auf dieser Route in der Kategorie „Unsupported“ eine FKT aufgestellt hat

→ Zur Fotogalerie der Senda Sursilvana

 

Vielen Dank an Surselva Tourismus für die Unterstützung bei der Vorbereitung meines Abenteuers und für die Übernachtung in Trun.