Eine konsequente Entscheidung – für einen neuen Lebensweg
(Lesezeit ca. 6 Minuten)
Einleitung
Dieser Text soll sich nicht primär darum drehen, dass ich mit dem Leistungssport aufhöre und damit ein großes – in gewisser Weise auch außergewöhnliches Kapitel – in meinem Leben schließe. Mit annähernd 50 ist das nicht unbedingt verwunderlich. Das braucht per se keine Bühne.
Es geht darum, warum ich diese Entscheidung treffe.
Eine bewusste Entscheidung mit dem Mut, eine jahrelange Komfortzone und Identität zu verlassen – und mit Neugier sowie Offenheit für das, was vor mir liegt. Ich teile meine Gedanken gerne, da sie für alle Lebenslagen übertragbar sind.
Kurzer Rückblick – eine Analogie
Vor 15 Jahren, im Alter von 34 Jahren, stand ich bereits einmal an einem Punkt, an dem ich alles infrage stellen musste. Damals war ich leitende Angestellte in der internationalen Finanzdienstleistungsbranche – leistungsfähig und nach außen erfolgreich.
Mit dem ersten Burnout habe ich das alles „hingeworfen“. Ich habe gespürt, dass Platz entstehen muss für etwas, das ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht greifen konnte. Ein Burnout entsteht meist nicht, weil man zu viel tut, sondern weil man das so wichtige Warum zu lange ignoriert.
Rückblickend war genau das die Grundlage für alles, was danach kam: mit 35 der ungeplante späte Einstieg in den Multisport, über zehn intensive und erfolgreiche Jahre und schließlich mit 46 Jahren der Schritt in den Profisport, von dem ich viele Jahre zuvor nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Es folgten weitere Jahre harter Arbeit, in denen ich dem Druck standhalten konnte – unter anderem mit dem Gewinn einer Gesamtdeutschen Meisterschaft und einer Triathlon-Langdistanz.
Mein Wille, meine Disziplin und die Beständigkeit haben fehlendes Können ausgeglichen.
Ein zweiter Umbruch
Aber auch in dieser Lebensphase habe ich zunehmend denn Sinn aus den Augen verloren:
Warum Sport meine Leidenschaft ist. Nicht wegen Anerkennung oder Erfolg – beides hat sich ergeben. Aber irgendwann war ich im Hamsterrad, habe den Absprung verpasst und mich dabei selbst verloren.
Ende 2024 gab es bereits dieses tiefe Bauchgefühl, dass es gut ist mit diesem zweiten Teil meines Lebens. Ich habe es ignoriert – wie man solche Signale oft ignoriert, wenn der Kopf noch Gründe findet, weiterzumachen. Die Form war für das Alter hervorragend, die Ergebnisse waren konstant da, und irgendwo stand wieder dieser Gedanke im Raum:
„Das kannst du doch jetzt nicht einfach hinwerfen?!“
Ich hatte meine Karriere damals bereits beendet – mit dem Gedanken, künftig nur noch ausgewählte Spezialprojekte zu machen. Ich ließ mir damit ein Hintertürchen offen. Ich war nicht konsequent genug.
Und dann kam das Leben dazwischen. Vor allem der Jobverlust, welcher mir lange Struktur und Ausgleich gegeben hatte.
Vieles ist zu diesem Zeitpunkt ins Wanken geraten – mehr, als ich mir eingestanden hätte. Und anstatt wirklich loszulassen, bin ich zurück in meine Komfortzone:
Struktur, Leistung, Wettkampf.
2025 wurde trotzdem noch einmal ein starkes Jahr. Trotz aller Umstände. Mit einem Marathonsieg und einem deutschen Rekord im 6-Stunden-Lauf meiner Altersklasse durfte ich mir selbst noch einmal zeigen, wozu ich in der Lage bin. Das ich den Weltrekord nach 77km um nur 700 Meter verpasst hatte, war dabei nebensächlich.
Leistungssport und seine Konsequenz
Leistungssport ist eine permanente Gratwanderung zwischen Topleistung, Schmerzen, Raubbau am Körper – physisch und psychisch mit enormem Zeitaufwand. Ich bin diesen Weg viele Jahre bewusst, konsequent und erfolgreich gegangen. Ohne Reue.
Trotz einer chronischen Stoffwechselerkrankung, mit allem, was sie mit sich bringt – ohne daraus je ein großes Thema zu machen.
Mein Körper hat mich 49 Jahre getragen – mental und körperlich auf einem Niveau, das viele nie erreichen werden. Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
D-Day und das Warum
Anfang 2026 war ich in einer Form, die ich so nicht erwartet hatte. Vier Rennen, vier Siege, ein klarer Aufbau in Richtung neuer großer sportlicher Ziele. Und dann kam Anfang Februar dieser Moment, den ich heute nur noch als D-Day bezeichne.
Ich habe die Handbremse gezogen und mich vollständig auf die Heilung konzentriert, ohne zu wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die erste Prognose war: Laufsport wird nie wieder möglich sein.
Seither hatte ich viel Zeit zum Reflektieren. Auf dem Rad. Im Wasser. In der Natur. Provence, Friaul und im Kloster. Irgendwo auf diesem Weg kam dieser berühmte Moment, in dem ich mein sportliches Warum wiedergefunden habe.
Als das Laufen wieder möglich wurde, fühlte sich alles schnell wieder richtig gut an. Das beständige Alternativtraining zahlte sich aus. Bei einem spontanen 10-km-Lauf in der Heimat zum Ende der ersten richtigen Trainingswoche konnte ich mit solider Leistung sogar gewinnen, kurz darauf bei einem internationalen Berglauf in der Schweiz musste ich nur einer 26-Jährigen den Vortritt lassen.
Es blieb aber die Erkenntnis, dass ich keine Lust mehr auf diese permanente Gratwanderung habe. Vor allem die mentale Willenskraft, aber auch der physische Aufwand für Wettkämpfe oder spezifisches Techniktraining, um hochkompetitiv zu bleiben.
Wenn ich etwas mache, dann richtig. Mit Konsequenz. Mit dem Anspruch, mein Potenzial auszuschöpfen. Ich bin in den Leistungssport gerutscht – und habe ihn dann nie betrieben, um einfach nur als Altersklassenathlet dabei zu sein.
Vor allem aber möchte ich meinem Körper nicht dauerhaft schaden, nur um ein sportliches Niveau aufrechtzuerhalten, das für mich innerlich längst nicht mehr entscheidend ist.
Und ich werde nicht der Athlet sein, der ohne verlässliche Planbarkeit von Wettkampf zu Wettkampf „lebt“. Wozu?
Ich werde nicht anfangen, Signale zu ignorieren oder sie mit Schmerzmitteln zu überdecken.
Ich werde mir jeden Tag ehrlich in die Augen schauen.
Eine klare Entscheidung für die eigentliche Leidenschaft
Die Entscheidung, diesen Lebensabschnitt zu beenden, fühlt sich richtig gut an. Selbstbestimmt. Ohne Hintertür.
Ich lebe nach dem Prinzip, dass ich mir alle Träume erfüllen kann, wenn ich es wirklich will.
Es sind nur keine Wettkampfziele mehr – viel frei geschaffene Zeit für meine Leidenschaft, die geblieben ist und nie an einer Startnummer hing. Sondern an dem, was man tut, wenn es keiner sieht. Mit Hingabe – ohne alles der großen weiten Welt zeigen zu müssen. Einfach für sich.
Ich werde weiterhin laufen, Rad fahren und gesund in die Berge gehen. Vielleicht auch wieder verrückte Dinge.
Wenn alles gut läuft, habe ich noch rund 1.500 Lebenswochen vor mir. Wochen, die ich gestalten möchte. Im Sport – aber vor allem auch darüber hinaus.
„Lieber scheitern als bereuen“ – ein Grundsatz, der mich durchs Leben trägt.
Ich habe mir in den letzten Wochen oft die Frage gestellt, was ich in fünf Jahren bereuen würde.
Die Antwort war klar.
Identität, Veränderung und der übertragbare Sinn
Ich habe keine Angst davor, diese Bubble zu verlassen. Im Gegenteil.
Ich glaube sogar, dass genau hier viele hängen bleiben. Weil sie nie gelernt haben, was außerhalb dieser Welt noch existiert. Weil sie keine Alternative kennen. Oder nie den Mut hatten, ihre Komfortzone zu verlassen. Komfortzonen geben Identität, Struktur, Ziele – aber sie sind nicht alles.
Das Leben bietet deutlich mehr, und ich entscheide mich bewusst dafür, den Raum wieder größer zu machen: geistige Entwicklung, neue Perspektiven, den Mut, andere Wege zu gehen, Dinge loszulassen und offen zu sein für das, was danach kommt.
Und genau das möchte ich sehen – in:
„Teil 3 – Jenseits von Ziellinien. Von Leistung zu Sinn.“
Für alle, die nach Zahlen statt Worten fragen: Ein kleines ➡️ Fact Sheet der vergangenen 15 Jahre.